haben sie wien schon bei nacht geseh’n?

An dieser Stelle erfolgt, wie üblich, der Bericht über die Anreise. Normalerweise stünde hier was von einem ruhigen Flug, einer butterweichen Landung und miesem Flugzeug-Essen. Dem ist diesmal nicht so. Zwar hatten wir auch diesmal einen erstklassigen Kapitän (der Landstraße), die Stewardess hatte aber, für meinen Geschmack, schon ein paar nautische Meilen zu viel runter. Und vom Service wollen wir mal garnicht erst reden. Der war wirklich unter aller Kanone: außer einem glühend heißen Kaffee und einem lapprigen Tee gab es NICHTS. Und das bei über 6 Stunden Reisezeit.

Der nächste Absatz wird dann der Unterkunft gewidmet. So sei es auch hier. Lage: am/im Hundertwasserhaus, einen Steinwurf vom Riesenrad entfernt, (am Wochenende kostenlose) Parkplätze direkt vor der Tür – sehr gut. Appartement im 5 Stock. Aussicht – sehr gut. Und es gibt einen Aufzug – sehr gut. Allerdings funktioniert er nicht – schlecht! Aber was soll’s? Jeder Gang macht schlank, jeder Schritt macht fit. Wäre doch gelacht, wenn ich den tonnenschweren Rucksack und den sackschweren Koffer nicht hochgebuckelt bekäme.

An dieser Stelle muss ich eine Zwischenfrage platzieren: kann es sein, daß sämtliche Ferienunterkünfte dieser Welt einen Rahmenvertrag mit Ikea haben? – ich war, außer in Kuba, noch nie in einem Ferienhaus, einem Appartement oder einem Airbnb, das nicht wie aus dem Katalog gepellt aussah … während ich das schreibe, fällt mir ein, daß das doch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Bei der Hochzeitsfeier von Birgits Bruder waren wir in einer Unterkunft, deren Ausstattung eindeutig nicht vom schwedischen Innenausstatter, sondern vom Sperrmüll stammte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bei unseren letzten Flügen, zumindest den (dem einen) der höheren Buchungsklasse, gab es das Gläschen „Champagne“ vor dem Abheben. Bei den anderen (in den etwas einfacheren Kategorien) musste ein Dosenbier aus dem Airport-Supermarkt als Ersatz dienen. Beides fiel diesmal, aus gegebenem Anlass, aus. Und auch der Onboard-Service lies, wie beschrieben, einiges zu wünschen. Und dann noch die Plackerei, bis das Gepäck im Zimmer war. Damit hatten wir uns einen Schluck Willkommens-Cremant mehr als verdient.

Eigentlich war geplant, nur kurz das Appartement in Beschlag zu nehmen, uns den Willkommens-Trunk hinter die Binde zu kippen und dann sollte es losgehen zur ersten Erkundungstour. Da ich aber zum einen noch keinen Bissen im Bauch hatte und zum anderen in letzter Zeit ziemlich konsequent dem Geist des Weines entsagt habe, zeitigte der Schluck (Flasche) Schaumwein, zusammen mit der begeisternden Aussicht auf den Prater, einen Effekt, den Birgit fachmännisch als „Logorhoe“ bezeichnete. Für diejenigen unter den geneigten Lesern, die der Ärzte-, Bader- und Quacksalber-Sprache nicht mächtig sind: Sprechdurchfall!

Der Tag geht, der Hunger kommt. Und was ißt man in Wien? Wiener Schnitzel natürlich! Oder sollte es da noch etwas anderes geben? Ja, gibt es, sozusagen den etwas beschiedeneren kleinen Bruder, das Backfleisch. Küchentechnisch handelt es sich dabei um gesottenen Tafelspitz, der in einer Panade aus Meerrettich, Ei und Mehl knusprig ausgebacken wird. Kulinarisch handelt es sich dabei, wie ich im Nachhinein hier berichten darf, um nicht weniger als einen Orgasmus.

Doch wie im echten Leben: vor dem Höhepunkt kommt das Abmühen. Die erste Mühe war, eine geeignete Gaststätte zu finden. Da das Backleisch, wie geschrieben, deutlich weniger prominent ist als das Wiener-Schnitzel, muss man Google schon sehr „heikel“ befragen, um eine brauchbare Antwort zu bekommen. Und die offenbart dann die zweite Mühe: während Schnitzel an jedem Touri-Hotspot zu haben sind, befinden sich die Lokale mit der Spezialität Backfleisch eher in Bezirken, wo sich der handelsübliche Standard-Tourist eher selten hin verirrt. Man könnte auch sagen: jwd. Oder, etwas rustikaler: am Arsch der Welt.

Was soll’s, eine halbe Stunde U-Bahn-Fahrt und ein Laufbier später waren wir am Ort unserer fleischlichen Begierde. Und was soll ich sagen: augenscheinlich waren wir die einzigen Touristen in dem ganzen Etablissement. Über die außerordentliche Güte des Hauptgerichts habe ich mich ja schon ausgelassen, aber auch die Vorspeise (je 6 Weinbergschnecken, mit ordentlich ordentlichem Käse überbacken) und der Wein (Memo an die Wein-Connaiseure innerhalb der geneigten Leserschaft: es gibt keinen weißen Zweigelt) waren die Mühen definitiv Wert und trugen ihren Teil zum Höhepunkt dieses Urlaubstages bei.

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