auf der suche nach dem verlorenen ohr

So, heute nimmt auch dieser Urlaub ein Ende. Morgen früh heißt’s Köfferchen packen, verladen und ab in die Heimat. Rückblickend muss ich sagen, daß der Urlaub, insbesondere der zweite Teil, viel, viel, viel viel besser war, als erwartet. Im Vorfeld schrieb ich nicht nur in dieser Publikation, sondern erzählte auch jedem, der es hören wollte (und den anderen auch), daß es mir ein wenig vor 7 Tagen in einer Gegend, in der sich Fuchs und Has‘ darum streiten, wer den schönsten Arsch der Welt hat, graut. Aber was soll ich sagen? – schön war’s. Auch wenn ich die hochtrabenden Worte meiner reizenden Reisebegleitung vom „Weg zu sich selbst“ nicht ganz zu teilen vermag, so fühle ich mich doch einigermaßen ausgeruht und voller Energie für die Dinge, die da so ins Haus stehen.

Trotzdem: wie immer am Ende einer Reise überkommt mich ein gewisser Blues, der sich aus einem Nachtrauern der vergangenen und einer gewissen Furcht vor den kommenden Zeiten zusammensetzt. Das ideale Antidot gegen diese Post-Reise-Melancholie wäre sicher, einfach das Reisen fortzusetzen. Doch gegen diesen Ansatz sprechen so schnöde Dinge wie Geld verdienen und/ oder „keep the customers satisfied“. Außerdem befürchte ich, ich könnte mich mit Birgit nicht wirklich einigen: während ich vorschlage, daß wir auf dem morgigen Heimweg einfach an irgendeiner Kreuzung falsch abbiegen und unseren Irrtum erst in Sarajewo, Sophia oder Istanbul bemerken, äußert sie, daß bei ihr der Erholungsprozess gerade erst so langsam einsetzt und sie durchaus noch 2 bis 3 Wochen so weitermachen könnte.

Zu unserem letzten (vollen) Urlaubstag: eigentlich war für heute das gleiche wie gestern geplant: in unserem Appartement bleiben, essen, trinken, saunieren, koitieren, Löcher in die Welt gucken. Da ich aber, wie oben beschrieben, das Möbel-Hüten durchgespielt habe, musste ich heute nochmal „raus“. Dafür, daß Birgit mich begleitete, bin ich ihr echt dankbar, schließlich setzte ihr die Migräne doch sehr ordentlich zu.

Kössen war mein auserkorenes Tagesziel. Die Entfernung dorthin beträgt ca. 60 Kilometer, oder aber etwa 40 Jahre. Den Oliver des Jahres 2024 würde ich als weltgewandten Traveller bezeichnen, der schon viel von der Welt gesehen hat. Nicht ohne Stolz behaupte ich, außer in der Antarktis auf allen Kontinenten schon mal Durchfall gehabt zu haben. Ok, Afrika zählt nicht so ganz richtig, das waren nur 10 Tage in Marokko, aber ein gepflegter Dünnschiss in den exotischeren Regionen des Schwarzen Kontinents ist für das Jahr 2025 fest eingeplant. Das hat auch den, partnerschaftlich nicht ganz unerheblichen, Vorteil, daß ich Birgit nicht zwinge, entlang der ganz persönlichen „Ölspur“ meines Lebenswegs zu reisen.

Heute waren wir aber noch einmal exakt auf dieser Ölspur unterwegs. Allerdings nicht auf der Ölspur des Travellers Oliver 2024, sondern auf der des 7, 8, 9 oder 10-jährigen Kurpfälzers aus ärmlichen, damals aber immerhin noch nicht zerrütteten Verhältnissen. Ich bin mir sicher, daß wir damals von „Urlaub“ redeten, obwohl mir heute der Ausdruck „Sommerfrische“ irgendwie passender vorkäme. Die offizielle Rubrik, in der das Fremdenverkehrsamt unsere damalige Unterkunft im Zimmernachweis aufführte, war „Ferien auf dem Bauernhof“. Ich erinnere mich noch gut an die Faszination: eine endlos lange Autofahrt in unserem alten Datsun, und dann die genauso endlos in den Himmel aufragenden Berge. Ich weiß noch genau, wie mir meine Mutter damals die Unendlichkeit erklärte: „schau dir den Wilden Kaiser an. Stell dir ein Vöglein vor, das alle 1.000 Jahre vorbeikommt, um seinen Schnabel daran zu wetzen. Wenn der Berg davon komplett abgetragen ist, ist eine Sekunde der Unendlichkeit vergangen“.

Außerdem erinnere ich mich an eine Wanderung auf das Unterberghorn. Heute wird diese Route nur „erfahrenen Wandern“ empfohlen, wäre also wohl nur was für Birgit. In m einer Erinnerung haben wir den Gipfel damals mit mir als 3-Käse-Hoch (und 5-Käse-Breit) und meinem Bruder im Kinderwagen gestürmt. Kann aber durchaus auch sein, daß ich da was durcheinander bringe. Vielleicht kann ich das ja mal anhand der Bilder, die meine Mutter noch haben müsste, klären.

Und daran, daß ich im Gastgarten des Lucknerhofs feststellen musste, daß ich den Geschmack von Cola nicht mag (woran sich bis heute nichts geändert hat). Und an die Fahrten mit dem Unterberghorn-Sessellift, auf das Plateau, von dem aus die Drachenflieger gestartet sind. Ich denke, dort ist damals in mir der Wunsch entstanden, irgendwann mal selbst fliegen zu können. Dabei muss ich aber gestehen, daß den „Cessna-Fahrer“ Oliver 2024 wahrscheinlich keine 10 Pferde dazu bewegen könnten, sein Leben so einem fliegenden Taschentuch anzuvertrauen.

Cut! zurück ins hier und jetzt. Unseren damaligen Ferien-Bauernhof gibt es nicht mehr, dort steht jetzt ein Ferienwohung-Komplex. Immerhin sinnverwandte Nutzung. Mit dieser Erkenntnis schwand allerdings die Hoffnung, das, anno 1980(?) verlustig gegangene zweite Ohr meines (Stofftier-) Affens wiederzufinden, vollends. Den Lucknerhof gibt es zwar als Gebäude noch, ist aber „lost“. Wäre zu verpachten, allerdings muss ich da wohl noch etwas Überzeugungsarbeit bei Birgit leisten. Ich persönlich könnte mich gut als Hofherr und Schankwirt vorstellen.

Den Unterberghorn-Sessellift gibt es noch, ist aber laut Google „vorübergehend geschlossen“, was auch immer das bedeuten mag. Und Drachenflieger haben wir auch keine gesehen. Tempus Fugit – as time goes by. Also denn: auf zurück in die Zukunft, ins hier und jetzt und zu unserem letzen (vollen) Urlaubstag.

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