ein traum

Ein Spruch, mit dem ich des öfteren meine Beiträge beginne, ist „auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“. Die längste Reise ist mein Polen-Trip nun nicht gerade, aber einen Superlativ hält sie trotzdem: sie wird meine längste Bahnfahrt werden. Etwas über 1.000 Kilometer quer durch Europa. 12 Stunden Fahrt mit 3 x umsteigen. Ein wenig graust mir schon vor dem Gedanken, meine körperliche und geistige Gesundheit für eine so lange Strecke/ Zeit der Deutschen Bahn anzuvertrauen. Auf der anderen Seite: der größte Teil der Reise verläuft im Streckennetz der ÖBB und der Polnischen Bahn.

Los geht’s dort, wo auch die längste Reise stets beginnt: vor der eigenen Haustür. Und dort liegt heute ordentlich Schnee. Aber der Winterdienst hier in Bayern funktioniert so, wie man das von einem Winterdienst in Bayern erwartet, und die Standheizung im Kia sorgt für klare Sicht und einen warmen Hintern.

Ich kann mein Glück kaum fassen: der erste Zug, der mich nach Memmingen bringen soll, fährt pünktlich wie die Eisenbahn im Bahnhof Wangen ein ein. Für den Gegenzug wird zwar eine rustikale Verspätung angezeigt, aber das tangiert mich, zum Glück, ganz peripher. In Memmingen steige ich, nach kurzer, planmäßiger Wartezeit, in den Eurocity nach München um. Die Umsteigezeit in München beträgt etwas mehr als eine halbe Stunde, genug Zeit, mich mit Speis und Trank für die nächsten, deutlich längeren Etappen nach Wien und von dort nach Krakau einzudecken. Der Zug nach Wien erhält mit ca. 45 Sekunden Verspätung Ausfahrt. Das grenzt ja schon an japanische Verhältnisse. Die Strecke nach Wien führt erst entlang der Alpen, danach durch’s Mühlen- und Waldviertel. Traumhaft schön.

Das Umsteigen in Wien war zugegebenermaßen „sportlich“, aber irgendwie hat die ÖBB es geschafft, die minimale Verspätung in München in eine respektable Verfrühung in Wien umzuwandeln. Somit blieb sogar noch Zeit, einige Bilder vom imposanten Wiener Hauptbahnhof zu machen. Von der Fahrt Richtung Krakau hätte ich mir landschaftlich mehr erwartet, aber das Jahr ist schon weit fortgeschritten, außerdem befinden wir uns ma östlichen Rand der Mitteleuropäischen Zeitzone. Will sagen: die Fahrt verlief großteils im Dunkeln. Die Reise endete, wie sie begonnen hatte: auf die Minute pünktlich fuhr ich um 21:23 Uhr in Krakau ein, wo Artur mich bereits erwartete.

„Sehr geehrte Damen und Herren, leider verzögert sich unsere Abfahrt hier in Wangen noch um wenige Augenblicke, wir müssen noch auf den Gegenzug warten“. Vadammt, da bin ich wohl während des Wartens auf die Ausfahrt aus Wangen tatsächlich eingeschlafen. Ein Blick auf die Uhr verheißt nichts gutes: schon über 20 Minuten Verspätung, das kann eigentlich nix mehr werden. Wahrscheinlich wäre es am vernünftigsten, direkt auszusteigen, nach Hause zu fahren und das Kapitel Krakau für dieses Jahr ad acta zu legen. Stand ohnehin unter keinem guten Stern. Oder vielleicht doch nicht: gerade ist der Gegenzug an meinem Fenster vorbeigerauscht, dann muss es ja gleich losgehen. Moment mal: der Zug ist vorbeigerauscht. Eigentlich hätte der doch in Wangen halten sollen, oder? Naja, egal, Hauptsache es geht jetzt los. „Sehr geehrte Damen und Herren, das war gerade der Züricher, jetzt müssen wir nur noch auf den Lindauer warten“. 1/2 Stunde bereits, das wird definitiv nix mehr. Bei meiner Ankunft in Memmingen ist der Anschlusszug sicher über alle Berge. Also doch aussteigen. Nochmal kurz in der App schauen: oha, der Eurocity nach München kommt von Zürich, ist also noch hinter mir. Will sagen: solange der uns nicht überholt, ist Polen noch nicht verloren. Außerdem setzen wir uns gerade in Bewegung.

Tatsächlich überholt uns der Eurocity bis Memmingen nicht, also bin ich durchaus noch im Rennen. Um genau zu sein, habe ich sogar einen Vorsprung rausgefahren: während ich nur 1/2 Stunde zu spät bin, hat der EC hinter uns mittlerweile 40 Minuten Verspätung eingefahren. Wobei mir jetzt schon klar ist, daß das meine 30 Minuten Umsteigezeit in München mehr als annihiliert. Ein Blick in die App verrät mir aber, daß ich von München aus noch gute Chancen auf eine Verbindung über Berlin und Warschau habe. Also: aufgeben kannste bei der Post, vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Erwartungsgemäß ist mein Anschlusszug nach Wien bei meiner Ankunft in München (+45 Minuten) weg. Es ist schon ein komisches Naturgesetz, daß immer entweder der eigene Zug spät und der Anschlusszug pünktlich ist, oder vice versa. Also erstmal ins Reisezentrum und eine Nummer ziehen. Freundlicherweise steht schon auf dem Ticket die zu erwartende Wartezeit: 45 Minuten. Kurze Überschlagsrechnung im Kopf: ok, die Verbindung über Berlin ist auch futsch. Das Reisezentrum im Münchner Hbf ist ein imposanter Saal mit an die 30 Beratungsschaltern … von denen ganze 3 besetzt sind. Ok, es ist Mittagszeit und ich gönne jedem einzelnen Bediensteten seine Mittagspause, aber könnte man das nicht irgendwie anders organisieren.

Aus den 45 Minten wurden dann knapp 50, dafür hörte ich eine freundlich und bemühte Dame mein Anliegen an (zur besseren Erkennbarkeit markiere ich diesen Satz als explizit nicht ironisch). Sie bot mir zwei Möglichkeiten an: entweder in 1/2 Stunde über Berlin und Kattowitz, Ankunft 4:30 früh mit 4 Stunden Wartezeit in Kattowitz oder … . Ich wählte ohne Verzögerung die Oder-Alternative: Abfahrt 18:35 Uhr, Ankunft 6:07, Direktzug ohne Umsteigen, nur zweite Klasse, kein Speise- oder Bistro-Wagen. Ok, dafür muss ich mir hier 5 Stunden um die Ohren schlagen, die kann ich aber immerhin nutzen, um mich für die lange Nachtfahrt einzudecken.

So, jetzt erstmal meinen Koffer in ein Schließfach, so daß ich mich einigermaßen frei bewegen kann. „Willkommen in München, der Weltstadt mit Herz“. So der so ähnlich steht es am Hbf in großen Lettern geschrieben. Deutlich kleiner steht an den Schließfächern, in anderen Worten, das exakte Gegenteil: Betrag in Münzen passend einwerfen. Meine letzten Euro-Münzen schluckte der Automat wohl, seine zentrale Aufgabe als Schließfach, nämlich das Schließen, wollte er trotzdem nicht erfüllen. Ach, was soll’s, mein Koffer freut sich bestimmt auch, München zu erkunden.

Unser erster Weg (also meiner und der meines Koffers) führte uns zum Viktualienmarkt. Dort stärkte ich mich mit einem LKW vom Ross, mein Koffer ging leider leer aus. Danach trennten sich unsere Wege dann doch: während ich mit meinem Freund Münchner Marc (der glücklicherweise krankgeschrieben war) ins Hofbräuhaus ging, musste mein Koffer die Zeit um Kofferraum von Marcs Auto ausharren.

Nach 2 Maß lecker Bier dann noch schnell mit Proviant eindecken: Baguette, Nudelsalat, Landjäger und eine Flasche Cremant. Das sollte ausreichen.

Der Nachtzug führ pünktlich ab (keine Ironie), ich hatte immerhin eine Zweier-Sitzgruppe für mich alleine. An Schlafen war nicht wirklich zu denken, aber ab und zu bin ich dann doch weggenickt. Das Essen und der Schaumwein mundeten, irgendwann fiel mir dann aber doch auf, daß ich eine Kleinigkeit vergessen hatte: Wasser. So wechselten sich durstige Träume mit fiebrigen Wachphasen ab und ich überlegte ernsthaft, ob ich das „kein Trinkwasser“ Schild in der Bordtoilette vielleicht doch ignorieren soll.

Aber auch die längste Reise hat ein Ende, und mit 50 Minuten Verspätung fuhr ich ziemlich genau um 7 Uhr früh in Krakau ein. Meine ersten, zittrigen Schritte mit schwarzen Flecken vor den Augen, führte mich zum Bahnhofskiosk, wo ich mich mit einem halben Liter Sprudel druckbetankte. Zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, bzw. in trockenen Schwamm, aber immerhin verschwanden die schwarzen Schatten vor den Augen und die Todesangst relativ schnell.

Kurz darauf gabelte mich dann auch Artur auf, aber das ist der Beginn einer neuen Geschichte.

Fazit: die Deutsche Bahn kann es nicht, sie gibt auch nicht mal mehr Mühe. Aufgeben kannste nicht nur bei der Post, auch die ehemals stolze Bundesbahn kann (und macht) das.

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