Posted on Mai 2, 2025
Lost, oder einfach nur Ruinen?
Zuerst dachte ich, das sei ein Scherz. War es dann wohl doch nicht: eine englische Touristin (war ganz sicher keine Travellerin) beschwerte sich bei TripAdvisor, daß die Bob-Bahn hier in Sarajewo ziemlich heruntergekommen sei. Die Graffiti seien zwar schon anzuschauen, aber man solle doch mal etwas investieren, um das ganze zu einer „angenehmeren Erfahrung“ zu machen. Nun, da hat jemand offensichtlich das Konzept der „Lost Places“ nicht ganz verstanden.
Und die Zahl der Lost Places hier in Bosnien ist Legion. Türkenzeit, K&K, Kommunismus, Sarajewo ’84, Krieg, Belagerung, … alles hat seine Spuren in Stein, Stahl und Müll hinterlassen. Und der Umgang mit den Lost Places ist hier auch eher „entspannt“. Unser Guide erzählte uns gestern, daß der prächtige ehemalige Sitz der K&K-Armee aktuell auf einen Investor wartet. Also, zumindest temporär, Lost ist. Auf die Frage, ob man das besichtigen könne, meinte er nur: „there’s a fence around it. But there are holes in the fence“. Und selbst die Mühe mit dem Zaun macht man sich nicht überall. Natürlich kann man das ehemalige Olympia-Hotel bei der Groß-Schanze besichtigen. Man muss halt aufpassen, daß einem die Decke nicht auf den Kopf fällt. Oder man, durch ein Loch in selbiger, sich spontan ein paar Etagen tiefer wiederfindet.
Oben habe ich der TripAdvisor-Rezensentin unterstellt, das Konzept der Lost Places nicht verstanden zu haben. Allerdings muss ich gestehen, daß ich hier auch das meinige etwas in Zweifel ziehe. Bei meinem letzten Besuch hier fand ich das verfallene/ zerbombte Hotel auf dem Rückweg von der Bob-Bahn noch einen faszinierenden LP. Ich könnte wetten, wenn ich in meinem Lightroom-Archiv suche, fände ich dort bestimmt 100+ Bilder davon. Diesmal lies ich ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, links liegen. Das hat mehrere Gründe: zum einen ist meine aktuelle Begleitung (noch) weniger LP-affin als meine damalige, zum anderen sind 200+ Bilder im Lightroom primär nur doppelt so viel wie 100+, nicht unbedingt aber doppelt so gut. Der Hauptgrund war aber, daß wir bei unserer Anreise durch Kroatien und Bosnien so viele Kriegs- und Bau-Ruinen gesehen haben, daß das Hotel für mich eigentlich nur ein Haufen kaputter, beschmierter und zugemüllter Steine war.
Das Konzept eines Lost Places ist, zumindest meinem Verständnis nach, daß er einmal nicht lost war. Wenn ich z.B. das Nobel-Hotel bei der Groß-Schanze google, finde ich dort Myriaden von Bildern, deren Fotograph das Glück hatte, daß ihm die Decke nicht auf den Kopf gefallen ist. Oder er sich, durch ein Loch in selbiger, spontan ein paar Etagen tiefer wiederfand. Dazu Filme, Drohnenüberflüge und keine Ahnung noch was (eine ordentliche Aufzählung benötigt nun mal 3 Punkte). Ich reihe meine Bilder in dieses „Meer-vom-Gleichen“ (sic!) ein.
Vom gebrauchsfertigen Zustand des Hotels finde ich genau 1 Bild (richtiger: 1 Motiv) und 0 Filme. In diesem Fall kann ich mir, mittels meiner Phantasie und meiner Lebenserfahrung, den nicht-losten Zustand gerade so noch ausmalen, was den Ort, für mich, als LP qualifiziert. Wäre ich aber ein paar Jahre jünger, wäre das ganze wohl nur ein Haufen kaputter, beschmierter und zugemüllter Steine.
Aus dem selben Grund habe ich auch exakt null Interesse, den löchrigen Zaun um die ehemalige Militär-Kommandantur zu überwinden. Um mir den gebrauchsfertigen Zustand einer K&K-Kaserne vorzustellen, fehlt mit sowohl die Phantasie als auch die Lebenserfahrung.
Das ist das eine Ende des meines Konzepts von Lost Places: sie waren, innerhalb meiner Lebensrealität, zu irgendeinem Zeitpunkt mal nicht lost. Das andere Ende ist noch trivialer: sie sind lost. Oft lese ich in verschiedenen LP-Foren Sätze wie „schade, daß es dieses wunderschöne Hotel/ Bad/ Sanatorium, … nicht mehr gibt“. Auch diese Meinung teile ich nicht. Gäbe es das Hotel an der Groß-Schanze noch (in gebrauchsfertigem Zustand), wäre es einfach ein Hotel, wie es sie hier sicher im Duzend, wenn nicht gar zu Hunderten, gibt. Fertig.

